Literatur: Biblisches

Hier herrscht Nachdenken über biblische Inhalte ohne letztgültige Absicht.

Wer von euch ohne Sünde ist

Das Johannes Evangelium beinhaltet eine der rührendsten Annekdoten zur heiligen Geschichte, stellt sich doch Jesus schützend vor eine der Hurerei angeklagten Frau, die Ankläger wehrend mit den Worten: Wer von euch ohne Sünde sei, der werfe den ersten Stein.

Doch diese kurze Erzählung wird heutzutage nur noch selten als Teil einer ursprünglichen Fassung dessen akzeptiert, was wir als Johannes-Evangelium bezeichnen. Unter Berücksichtigung aller Textvarianten, und insbesondere der alten Textzeugen erscheint sie nämlich selbst als eine beim Ehebruch Ertappte. Mal liegt sie mit Johannes an anderer Stelle im Bett, mal liegt sie gar mit einem anderen, Lukas genannt im Bett. Manchmal ist sie aber nicht mal im Bett, manchmal ist das Bett leer und allermeistens ist sie als unübliche Braut markiert. So steht also dieser Text als Ehebrecherin zur Debatte und die pharisäisch zu nennende Textkritik hat diese Tatsache über allen Zweifel hinaus festgestellt. Wir aber schlüpfen hier in die Rolle von Jesus und fragen uns, wie wir, herausgefordert durch die Textkritik, nun selber darüber urteilen sollen. Wir stellen dabei fest, dass keine Ehebrecher zugegen sind, obwohl mit Johannes und Mathäus mindestens deren zwei bekannt sind.

Man mag mir nun vorschnell unterstellen, dass ich den Text allzu allegorisch interpretiere. Darf es denn bitte nicht etwas wörtlicher sein? Darf nicht ein Ehebruch einfach mal ein Ehebruch sein, eine Steinigung einfach eine Steinigung und Jesus einfach nur Jesus? Sicher, sicher. Wir wollen zumindest anerkennen, dass es diese äusserliche Maskerade gibt. Also stellen wir uns die wichtigen Fragen.

Fragen an den Text

  1. In welcher Funktion wird Jesus befragt?
  2. Welche Tatsachen akzeptiert Jesus ohne Frage?
  3. Wer sind die Pharisäer und Schriftgelehrten?
  4. Was bedeutet Steinigung?
  5. Was bedeutet verurteilen?
  6. Was ist mit mosaischem Gesetz gemeint?
  7. Ehebruch oder Sünde allgemein?
  8. Auf welcher Bühne findet die Szene statt?
  9. Wie ist Jesus Geste zu deuten?
  10. Wer von euch ohne Sünde ist...
  11. Zusammenfassung

In welcher Funktion wird Jesus befragt?

Jesus lehrt im Tempel. Das ist nichts aussergewöhnliches, denn der Tempel ist der Ort, an welchem der Glaube gelehrt und diskutiert wird. Er hat keine andere Rolle als heutzutage ein Campus, der sich der Theologie und Justiz verschrieben hat. In einem gewissen Sinne befindet sich Jesus am öffentlichsten aller öffentlichen Orte. Hier nun wird Jesus befragt, und wir dürfen hier die Funktion mit einem Berufungsgericht vergleichen. Denn Jesus hatte keinen Anteil an der Vorgeschichte. Er wird Tatsachen hören und abnicken. Aber er ist nun involviert und egal welches Urteil er persönlich fasst, er hat dies in seiner öffentlichsten Funktion zu äussern, die man sich hier vorstellt. Jesus wird hier ungefragt zum Richter eingesetzt. Wir müssen aber formal die Berufung zurücknehmen. Denn es gibt niemanden, der Berufung einlegt. Die Kläger stellen ja das Urteil selber nicht in Frage und die Angeklagte macht auch nicht den Eindruck, für diesen Schritt verantwortlich zu sein. Es herrscht doch Klarheit: Das Urteil ist bereits gefällt. Warum denn, wenn schon alles klar ist, wird Jesus involviert. Was hier stattfindet hat ein Wort in unserer Kultur gefunden: Gesinnungstest. Es geht darum, Konformität mit einem vorgefassten Konsens zu erpressen. Und das ist eine Situation, welchen Menschen immer wieder mal ausgesetzt sind. Jesus wird aber nicht nur einem Gesinnungstest unterzogen, scheinbar wird er als Richter und damit als Vorsitzender eingesetzt. Ihm wird damit symbolisch der erste Stein in der anstehenden Steinigung in die Hände gelegt. Er soll also das Urteil unterschreiben und Verantwortung übernehmen, stellvertretend für alle Kläger oder Willigen.

Welche Tatsachen akzeptiert Jesus ohne Frage?

Wir können sicher feststellen, dass Jesus keine der vorgebrachten Tatsachen hinterfragt oder anzweifelt. Als gesagt wird, diese sei bei frischer Tat ertappt, so folgt kein Zweifel. Die Frau wird nicht mal zu einer Bestätigung der geschilderten Tatsachen aufgefordert. Alles was einem definitiven Verurteilung vorausgeht, wird nicht im geringsten behandelt. Der Prozess mag so vorbildlich oder schlecht sein, wie man es sich nur vorstellen kann, das alles hat keinen Einfluss. Alles ist konzetriert auf die Feststellung: Die Schuld ist festgestellt, dieses Urteil wird empfohlen. Doch Jesus stellt auch das Strafmass nicht in Frage. Es gäbe so viele Möglichkeiten, rein legalistisch den Prozess neu aufzurollen und mehr Information hinein zu bringen. Aber Wir hören nichts dergleichen. Er stellt nur die Frage, wer ist eigentlich berufen, den ersten Stein zu werfen? Dass er den ersten Stein werfen soll, ist impliziert. Tatsächlich kann alles was Jesus tut oder sagt nur etwas fragen: Warum kommt ihr zu mir? Jesus versagt Expertise und er stellt auch seinen eigenen Zustand in Frage. Das so sehr, dass es direkt die Position der Kläger beleuchten muss. Wenn diese so sicher sind in ihrem Urteil und der rechtlichen Basis zum Urteil, warum bedürfen diese meiner?. Jesus hinterfragt nur etwas: Das Motiv dieses Prozesses. Denn dieses Motiv zeugt davon, dass es auf Schwäche gebaut ist. Wäre die Basis gesund, bedüfte sie nicht Jesus Unterschrift. Ein anderer hätte schon lange den ersten Stein geworfen.

Wer sind die Pharisäer und Schriftgelehrten?

Wenn man die Geschichte in herodianischer Zeit ansiedelt, gibt es keinen Grund, in Pharisäern und Schriftgelehrten anderes als zeitgenössische Juden zu verstehen. Aber wir wollen nicht mehr so naiv sein. Als diese Geschichte geschrieben wurde, waren damit Christen gemeint. Doch heutzutage kann man damit ebenso Textkritiker bezeichnen. Warum aber, wenn damit andere als Juden adressiert sind, wird das ganze dann in diesem Gewand präsentiert? Erstens würde dieser Text in anderer Form kaum im Evangelium zu finden sein. Zweitens hätte es gegen den Text erheblichen Widerstand gegeben, falls dort Kirchenväter und Gemeindeleiter gestanden hätte. Zur Zeit des Autoren ist die apokalyptische Phase der Christen Geschichte. Statt auf das Himmelreich wartet man auf die nächste funktionierende Gemeindeordnung. Agapios von Hierapolis zitiert anscheinend Papias mit den Worten: Derjenige von Euch, der sich gewiss ist, selbst unschuldig zu sein in Bezug auf die Sünde, der sie bezichtigt ist, lasst ihn gegen sie aussagen mit dem Beweis, dass er selbst [unschuldig] ist. Dieses Zitat bezeugt, dass ein christliches Pharisäertum auch in der Person des Papias verbreitet ist. Und es ist keinesfalls so, dass dieses Zitat die früheste Referenz auf Joh. 8.1ff ist, sondern ummgekehrt, unser Autor geistreich gegen das christliche Pharisäertum schreibt, wie es sich im Papias-Zitat exemplarisch darstellt.

Was bedeutet Steinigung?

Steinigung ist ein gemeinschaftlicher Prozess. Die Praxis ist immer noch verbreitet, und ist nicht minder barbarisch wie Kreuzigung oder andere verbreitete damalige Methoden. Es ist aber ein durch die Gruppe veranstaltetes Vorgehen und somit gibt es keinen Mörder. Aber es gibt viele Formen von Steinigung. Verallgemeinert handelt es sich um einen lawinenartigen Vorgang. Der einzelne Stein mag nicht ausreichen, aber die Masse der Einzel-Urteile, der Steine, ist tödlich. In unserem Text wird aber dem ersten Stein besonderes Augenmerk gegeben. Besondere Verantwortung liegt in diesem und wir dürfen nicht zweifeln, dass hier Jesus versucht wird, diesen ersten Stein symbolisch zu werfen. Meiner Meinung geht es aber nicht um die wörtliche Steinigung. Es geht auch um diese, aber es geht noch vielmehr um den einzelnen Beitrag in jeder Art lawinenartiger Massenverurteilungen.

Als Mensch in der Öffentlichkeit ist man hin und wieder versucht, seinen Beitrag zu leisten, oder unbedacht gar einen ersten Stein zu werfen, ohne sich der Folgen bewusst zu sein. Wir können nicht übersehen, dass der Autor uns in Jesus in dieser Position reflektieren will und uns ein erhöhtes Bewusstsein geben will, während bedacht wird, dass in dieser Rolle vor allem die Bestätigung eines vorgefassten Konsenses, also ein Gesinnungstest, vorliegt.

Wer unter euch ohne Sünde ist... bedeutet nicht, dass wir nicht urteilen sollen, sondern in diesem Kontext bedeutet es, dass Urteile immer noch von Individuen verursacht werden, und die Strategie des Schutzes des Vollstreckers eben nur eine Strategie ist. Diese Art der Vollstreckung, und damit lawinenartige Prozesse an sich, werden besonders als gefährlich markiert. Und Jesus Tat besteht eben darin, dass er sich darin verweigert die Urteilsvollstreckung zu unterschreiben, ohne aber auch nur ein Detail der vorgebrachten Tatsachen zu kritisieren.

Was bedeutet verurteilen?

Ist mit Verurteilen die Vollstreckung des Urteils (der erste Stein) oder die Anwendung der Urteilskraft gemeint? Jesus verweigert sich hier der Vollstreckung. Er macht noch mehr: er subvertiert die Steinigung, in dem er besonderes Augenmerk auf den ersten Stein wirft. Aber wer glaubt, dieser Jesus hätte nicht seine eigenen Urteile, irrt sich. Denn es ist ja sein Urteil, dass ihn dazu befähigt, sich diesem Gesinnungstest zu verweigern. Dieser Jesus will partout keinen Anteil an lawinenartigen Verurteilungen jedwelcher Art haben. Aber er spricht durchaus sein Urteil gegenüber den Angeklagten: Gehe hin und sündige nicht mehr. In keiner Weise spricht er sie frei. Er verurteilt sie nicht, zumindest nicht öffentlich. Aber er hat genug Urteilskraft, die ihn diese Worte sprechen lassen.

Was ist mit mosaischem Gesetz gemeint?

Was vorher über Pharisäer und Schriftgelehrte gesagt wurde, kann man auch über das Gesetz des Mose sagen. Man kann statt Mose das Evangelium einsetzen, und nichts daran wird grundsätzlich anders. Unser Autor schreibt und antwortet in einem Kontext, wo das Evangelium das neue mosaische Gesetz geworden ist. Die Christen sind abhängig geworden von geschriebenen Texten, und vor allem, von einer Kanonsisierung des Textes. Gleichzeitig sind die Bedürfnisse andere geworden. Statt dem Himmelreich braucht man eine stabile Kirche mit Ordnungen.
Wir können auch fragen, ob das mosaische Gesetz denn beschreibt, was mit dieser Angeklagten zu tun ist. Im mosaischen Gesetz steht ja vieles geschrieben, auch solches das Ehebruch nicht explizit erwähnt, aber ebenso solches betrifft. Das Problem der Schrift liegt in der Versuchung, sich gerade nur auf das zu berufen, was naheliegend ist, und die eigene Meinung unterstützt. Doch wir sehen in unserer Passage keine Verfahrenseinwände. Falls es einen solchen gibt, so betrifft er die eingestandene aber unausgesprochene Unsicherheit, die die Kläger dazu veranlasst, Jesus zu involvieren, und wir werden einen Kommentar zum Gesetz allenfalls in der Geste entdecken mit welcher Jesus unsichtbar auf den Boden schreibt. Wir würden hier auch nie einen wortreichen legalistischen Traktat erwarten. Das würde die Form der Evangelien sprengen. Aber man darf maximal beanspruchen, die Geste diene als ein Platzhalter, als eine unformulierte Lehre, aber nur insofern, als dies jenes den Zweifel ausdrückende Wer von euch ohne Sünde (Zweifel) ist... berücksichtigt.

Ehebruch oder Sünde allgemein?

Die Frau soll, laut vorliegendem Text, auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt worden sein. Wenige Manuskripte oder Kommentatoren erwägen, dass sie auch wegen vieler Sünden überführt ist. Wir können hier feststellen, dass das für meine Interpretation nicht so kritisch ist, jedoch ist zu erwähnen, dass jemand kaum auf frischer Tat vieler Sünden überführt sein kann. Es würde sich also um eine wesentliche Änderung des Textes handeln.
Auch hat Ehe und Ehebruch viele allegorische Bedeutungen, wie etwa der Bruch mit der Ehe Christi, eine im apokalyptischen Christentum verbreitete Idee, das Fremdgehen in eine andere als die ursprüngliche Glaubensgemeinschaft, etc. So stelle ich fest, dass der Ehebruch ein für das folgende Textverständnis sehr taugliche Beschreibung einer Sünde ist, bestehe aber nicht darauf, dass dies für die letzte Aussage des Textes wichtig ist.

Auf welcher Bühne findet die Szene statt?

Die Szene spielt sich bildlich im Jerusalemer-Tempel in den äusseren Bereichen ab, welche als Kommunikationszentrum für verschieden Zwecke genutzt wurden. Für jene Zeit gilt, dass es auch der baulich meist ausgeformte Bezirk war. Wir werden dort nur Steinboden erwarten, aber keinen Sand oder Staub in welchen man sichtbares schreiben könnte. So wir dem Gedanken nachgehen, dass 8:1,2 so nicht zum ursprünglichen Text gehören, fehlt uns die Information, dass es sich um den Tempel und jenen in Jerusalem im Speziellen handelt. Wir können somit nur einen Ort vermuten, an welchem gelehrt wirde, der öffentlich zugänglich ist, und auch zu legalistischen Fragen dient. Eine Synagoge wäre hier eine mögliche Alternative. Aber auch hier können wir feststellen, dass Schreiben auf Sand oder in den Staub keine Option ist, die unser Autor im Sinne hatte.
Aber die Beschreibung unserer Bühne trifft auf eine Schwierigkeit. Beinhaltet Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein... die Möglichkeit einer unmittelbar durchgeführten Vollstreckung? Wo wir die Steinigung wörtlich verstehen wollen, müssen wir nicht davon ausgehen. Wo wir sie aber sinnbildlich verstehen, verschwindet alle Schwierigkeit.

Wie ist Jesus Geste zu deuten?

Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Wie bereits festgestellt, sollten wir uns diese Erde nicht als Staub oder Sand noch als irgend ein natürlich belassener Boden vorstellen. Allem Anschein nach werden wir gedanklich in den Tempel geführt, mindestens aber in eine Synagoge. Diese Schrift ist unlesbar. Sie ist weder mit dem Finger in Sand geschrieben, noch mit Kreide auf den Boden. Wir haben es mit einer Geste zu tun, die der Interpretation harrt. Wir können nun die Pferde schiessen lassen und nach allerlei Beziehungen in anderen Büchern suchen. Doch wer kann wissen, welche Referenz denn wirklich gemeint ist? Diese Schrift ist nicht zuzuordnen. Sie ist aber geeignet, den Zweifel zu nähren, und im Text werden tatsächlich Fragen durch die Ankläger geäussert, wenn wir auch nicht deren Inhalt erfahren.
Wir wollen uns hier daran erinnern, dass Jesus genötigt wurde, dem Gesinnungstest zu folgen. Das tut er hier formal. Er antwortet. Aber es ist nicht sein Problem, dass seine Antwort nicht verstanden wird. Er war ja am lehren, und so sind ausser den Klägern wohl auch noch solche zugegegen, welche die Gesten interpretieren können. Ist das die Intention des imaginierten Theaterstücks, so wird uns ein Jesus präsentiert, der sich selbst durch Raufbolde nicht seinen Unterricht vermiessen lässt und sie also vollkommen ignoriert, während er aber formal der Geste nach antwortet. Falls man hier nicht den gewieften Doktoranden denken will, so strapaziert Jesus hier mit seiner Geste die Geduld, ohne ihnen aber Anlass zur Korrektur seines Verhaltens zu geben. Beide Versionen erscheinen mir gleich unrealistisch und sie sind ein Beleg, dass wir es hier mit einem kleinen phantasierten Theaterstück zu tun haben. Insbesondere findet gegen Ende der Passage ein atmosphärischer Wechsel statt, der die Idee eines lehrenden Jesus subvertiert.

Wer von euch ohne Sünde ist...

Die Kläger kommen mit der Frage in Bezug auf das mosaische Gesetz (5.Mose 17:6ff). Aus dem mosaischen Gesetz kann durchaus ableiten, dass die Zeugen die ersten bei der Verurteilung sein sollen. Die Antwort aber widerspricht gleich zweifach: Erstens wird eine Bedingung gesetzt, zweitens wird die Befugnis nicht an die Zeugen geheftet, sondern einem erweiterten Kreis der hier Anwesenden. Der Spruch will also die mosaische Praxis ändern. Ob zum besseren oder schlimmeren werden wir aber noch untersuchen müssen.

Sünde ist im allgemeinen umfassender als Straffälligkeit. Einige Theologen haben sich dazu bekannt, dass alle Menschen im Zustand der Sünde seien. Augustinus ist sowohl bekannt für seine Erbsündenlehre wie für seine Stellungsnahme zu gerade diesem Text, war er doch der Meinung, dass dieser Text ursprünglich sei und aus diversen Manuskripten entfernt wurde.
Der Spruch ist sicher dazu geeignet, Menschen zu manipulieren. Wir wollen hier aber die besondere Stellung der Aussage beachten. Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Jesus hat bisher nichts gesagt, ist aber sicher gelangweilt, weil sie ihn weiter fragen. Da versucht er sie in seiner Weise. Aber es ist eine rhetorische Figur, die er selber nachfolgend verrät. Wollten wir sie als eine realistische Aussage deuten, so beinhaltet sie ja die Forderung, dass zumindest ein Hohepriester, der sich gereinigt hat, zugegen sei. Es wäre also ein Verfahrenshinweis. Dieser Text richtet sich aber nicht an Juden sondern an Christen, und so ist die Verfahrensauslegung hier nicht statthaft. Auch müssten wir eine solche Verfahrensauslegung stark anzweifeln. Wir wissen nichts von einem Sabbat an welchem der gereinigte Diensthohepriester Ränge von Huren mit dem ersten Stein gesegnet hätte.
Wer unter euch ohne Sünde ist... hat in etwa die gleiche Funktion wie seid ihr (christlichen) Pharisäer überhaupt befugt?. Dieser Satz hat das grösste Potential, die Hörerschaft zu verwirren, oder ganz gewiss in einen Streit zu verwickeln. Und aus dem Satz lässt sich in keinster Weise der Ansatz eines legalistischen Prinzips realisieren. Womit haben wir es also zu tun? Mit einem Witz, mit bekannter Rhetorik, denn ich denke nicht, dass unser Autor sich diesen Satz aus dem Arsch gezogen hat, sondern Sophisterein dieser Art mussten im Orient für Jahrhunderte existiert haben. Die ersten, die sich denn auch davon machen, sind die Ältesten.
Dieser Jesus manipuliert ohne Bedenken jene die ihn herausgefordert haben. Er zeigt, wie verschlagen er sein kann. Dabei hat er sich in keinem Punkt effektiv erpressen lassen. Dies ist der Jesus nach unserem Autor, stellvertretend für jeden, der sich im Umfeld der Gesinnungstest in der Position des Jesus wiederfindet und überleben will. Daraus spricht wenig Respekt für die christlich pharisäischen Zeitgenossen des Autors.

Aber handelt es sich hier nicht einfach um eine andere Form des im Zweifel für den Angeklagten? Wäre der folgende Text ein anderer, so könnten wir Jesus Zweifel unterstellen. Er ist also berechtigt, mit einem Urteil zurückzuhalten. Aber im Gespräch mit der Frau verrät er mit Gehe hin und sündige nicht mehr ganz klar, dass er keine Zweifel hat und falls er solche gehabt hätte auch nichts unternommen hat, um diese entweder auszudrücken oder auszuräumen. Und deshalb müssen wir das in dubio pro reo hier als gemeint zurückweisen. Der Text verlangt nach einer anderen Funktion für diese Worte.

Und er wurde allein gelassen mit der Frau

Wir hatten zu Beginn des Textes nicht den Eindruck, als hätte der Tag sofort mit der Verhandlung zur Ehebrecherin begonnen. Hier nun aber gewinnen wir den Eindruck, dass Jesus und die Frau am Schluss allein sind. Nur ein Mensch der im Sinne von Bühnendramen denkt, schreibt so. Wir können nun auch feststellen, dass unser Jesus, der ausser Gesten und einer witzigen Replik nichts auf die uns unbekannten Fragen zu sagen hatte, nun plötzlich etwas zu sagen hat. Unter anderem sagt er Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr! Er hält es also für möglich, nicht mehr zu sündigen. Zweitens stellt er fest, dass sie gesündigt hat. Unser Supermann hat eben unglaubliche Einsichten, was ihm erlaubt ihr in der Tat seine Urteilskraft spüren zu lassen. Was sollen wir damit machen? Er sagt ja nicht, setz dich, ich lehre dich... sondern er schickt sie weg! Wenn wir hier halbwegs einen Ausweg bauen wollen, können wir sagen: Er verurteilt nicht die Person, aber die Tat! Taten haben aber Folgen. Manchmal bringt man vom Seitensprung einen netten Tripper mit, oder vom Seitensprung in eine andere Kirche andere geistige Einsichten.
Das ist nicht der Jesus, der die lehrbegierigen anzieht. Das ist nicht er Jesus, der zu den Sündern kam. Das ist nicht der Jesus, der sprach Lasset die Kindlein zu mir kommen. Ein grosser atmosphärischer Unterschied besteht zwischen Beginn und Ende auf dieser imaginierten Bühne. Doch wir brauchen das Bühnenlicht nicht so weit zu reduzieren. Er schickt sie ja noch nicht fort, sondern die Szene endet darin, dass zwei Figuren beleuchtet sind. Und so endet das öffentliche im privaten Dialog.
Aber man kann diese Situation verschieden deuten: Da ist als Drittes das Publikum, der Leser. Oder, der Leser hat sich selber in den verschiedenen Rollenangeboten geortet als Pharisäer, Jesus oder als Angeklagte. Nur im letzteren Fall sehen wir die vollkommene Ablösung des öffentlichen Aspekts, innerhalb dessen ja unser in einen Prozess verwickelter Held schlau und sophistisch agiert, und damit jeder Erwartung einer persönlichen Unterwerfung unter ein neuchristiliches mosaisches Gesetz entflieht. Als Hero macht er das Vorbildlich und stellvertretend für den Leser. Und ich denke dass das Durchschauen dieser anwaltschaftlichen Repräsentation letztlich anvisiert wird.
Hier nehmen die an die Frau gerichteten Worte doch einen anderen Sinn an. 1. Das Schickal der Hure (einem Konsens zu irgend einem legalistischen System zum Opfer zu fallen) ist nicht zu verurteilen. 2. Die Angeklagte sollte in Zukunft vorsichtig agieren. Die Worte klug wie die Schlangen und ohne Fehl wie die Vögel kommen einem in den Sinn. Der Schluss stellt also sicher, dass der Text in der Tat eine verhüllte Botschaft an den Leser hat.

Zusammenfassung

Dieser Text portraitiert Jesus in einer Situation, der wir uns alle ausgeliefert sehen können. Der Text ist ein Schaustück persönlicher Lebenschlauheit, nicht aber der Weisheit. Er zeigt sophistische Verfahren, nicht aber Philosophie. Eine Inhaltliche Ausbeutung muss frustrierend sein für jeden, der hier legalistischen Rat sucht. Trotzdem kommt aus der Auseinandersetzung mit Schlauheit manchmal Weisheit und mansche Sophisterei ist ein Streichholz zur Philosophie. So bekommen wir vielfache Hinweise, dass der Inhalt auf einer anderen Ebene spielt. Der historisierende Kontext ist nur eine Bühne, ein schlaues aber nicht unübliches Werkzeug, um der Zensur zu entgehen. Jesus ist ein akzeptiertes Vorbild geworden, und so ist er eine geeignete Figur, um eine Leserschaft zu lehren. Er wir hier als Sockenpuppe verwendet. Dass unser Vorbild unlesbares auf den Boden schreibt, einen ziemlich rätselhaften Spruch macht, und dabei ein geringes Signal/Rauschen Verhältnis erzeugt, soll uns daran hindern, den Text verbatim zu verstehen. Was aber ist denn die Botschaft des Textes? Seien wir uns gewahr dass dieser Text erst spät mit einem Evangelisten ins Bett gelegt wurde.
Ich frage demnach nicht nach der Botschaft, sondern nach dem Motiv, eine Frage in christlichem Gewand zu beantworten. So mag sich unser Autor in einer privaten Schrift gefragt haben: In welchen Kontext macht der Spruch Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein überhaupt Sinn. Dabei sah er vor allem einen rhetorischen manipulatorischen Gehalt, ohne diesem noch einen anderen Nutzen geben zu können. Auf noch zu erforschende Weise ist dieser Text dann im Johannesevangelium gelandet. Und erst dort erwarten wir eine geistreiche, weise und philosophische Botschaft. Wir werden hier nach einem sekundären Motiv suchen, diesen Text innerhalb der Evangelien zu platzieren. Wir werden dieses Motiv nur in der Beziehung des involvierten Kopisten zum Autoren finden und in den spezifischen Umständen des Christentums des 2. und 3. Jahrhunderts.

Theorien zu Text und Autor

Dieser Text ist eine der best bekundeten Huren im neuen Testament. Dieser Text lag mit Hurenzeichen mit Johannes im Bett in der Pastorenstellung, aber auch in andrer Stellung. Sie lag aber auch mit Mathäus im Bett. Dann ist bekundet, dass das Bett bei Johannes auch leer blieb, ihr der Platz aber reserviert blieb. Manchmal ist sie aber auch ganz abwesend. Wir haben hier keinen Anlass, das Prozessverfahren anzuzweifeln. Das ist eine Hure. Die Pharisäer der Textkritik zeigen uns das ausreichend anhand von Textzeugen. Aber irgend ein Jesus hat gefunden, dass sie bei Johannes am besten gebettet sei, und so finden wir sie heute dort, als solche ausgezeichnet, in modernen Bibelausgaben. Sie ist also der Steinigung entgangen.

Ist es nicht eine grosse Ironie, dass die Geschichte des Textes so vollkommen zum Inhalt passt, als ob sich alle Kopisten dazu verschworen hätten, uns zu zeigen, dass die Symbole der Geschichte über etwas ganz anderes sprächen? Das ist die Ironie der Geschichte. Wir würden aber dem Text nicht gerecht werden, wenn wir den Text so zu deuten versuchen. Wir müssen zu einem intimeren Verhältnis finden, den Text herauslösen und als solchen wahrnehmen. Wir müssen den Text dort betrachten, wo die kleine Dramaturgie endet, wo das Bühnenlicht Tempel wie Pharisäer hinter sich lässt. Wir müssen dem Text begegnen, als ob er noch gar nicht in irgend einer Beziehung zur Bibel stünde. Wir müssen ihn in seiner Jungfräulichkeit betrachten.

Auch wenn wir den Text als eine Interpolation erkennen (und welcher Text ist keine Interpolation in die Bibel), so müssen wir fragen: Ist es möglich hier authentische Jesusworte vor uns zu haben? Ist es nicht so, dass die Worte zu einem weit verbreiteten Jesus-Bild passen? Doch wir müssen aufpassen. Jesus hat bereits mehr Väter als wir kennen. Sich einen Jesus erschaffen und mit vorliegenden umzugehen, das ist es, was die Redlichkeit gebietet. Wer zudem Barmherzigkeit ausdrücken will, der wird wohl keinen Satz formulieren wie wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Was der moderne mosaisch nicht gebildete Bürger zudem heraus liest, entspricht wohl eher dem 2 Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. 3 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? 4 Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Matthäus 7:2ff.

Der Kern des Textes

Ist dieser Text so geartet, dass es eine Aussage gibt, die dem ganzen Text Sinn gibt? Texte fallen in der Regel auseinander, wenn man zuviel entfernt. Texte sind aber auch nicht interessant, wenn das, was übrig bleibt, so ordinär ist, dass man es des öfteren liest. Was ist also das ganz besondere Element, der Kern und die Erklärung, warum es diesen Text gibt? Nur eine Passage kommt hier für mich in Frage: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein. Dieser Spruch verleiht diesem Text eine unbeobachtete Einzigartigkeit. Auch dann, wenn wir den Spruch als rhetorisches Mittel erklärt haben, wird nicht geschmälert, dass sein Potential, den Leser zu irritieren und zu verwirren der eigentliche Zündstoff ist. Ich habe bereits spekuliert, dass unser Autor sich die Frage gestellt hat, in welchem Kontext dieser Spruch überhaupt Sinn macht. Aber das setzt voraus, dass unser Autor nicht der Autor dieses Spruchs ist.
In der Tat sind etliche Textkritiker der Meinung, dass unsere Perikope durchaus als mündliche Tradition weiter gegeben werden konnte. Ich wage das zu bezweifeln, da genau die Deutung des Spruches sehr vom Kontext abhängt, aber Kirchenväter wie Augustinus uns beweisen, dass sie selber nicht mal zu einem wortgetreuen Umgang mit einem geschrieben Text bereit sind. Wie unzuverlässig mündliche Tradition ist, muss hier nicht speziell dargelegt werden.

Es ist nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich, dass dieser Spruch weit älter ist, und in manchen Varianten in einem weiten Kontext existierte. Wir können ihn uns vorstellen im orientalischen Kontext insgesamt. Wir müssen nur noch eine prise hellenistischen Sophismus hinzufügen, und schon sind die Voraussetzungen gegeben, dass letztlich der Spruch auch im christlichen Gewand reflektiert wird.
Der Jesus unseres Autors ist dessen eigenes Konstrukt. Aber wie immer wir auch einen Jesus denken, es ist nicht unmöglich, einem solchen Jesus eine Anwendung dieses Spruches zuzuordnen. Es ist sogar wahrscheinlich, dass unser Autor nicht als erster diesen Spruch im christlichen Kontext diskutierte.

Der Autor

Die spezifische Ausformung des Textes halte ich aber als das eigentliche Resultat und Werk des Autors. Es bescheinigt ein Eingeständnis, dass er kein Freund von legalistischen Erörterungen der neu-mosaischen Christengemeinden ist, die aller Orten nach praktikablen Regeln fragen und zudem damit beschäftigt sind, sich gegenseitig die Orthodoxie abzusprechen und der Häresie zu beschuldigen. Er ist insbesondere kein Freund von In Jesu Lehre steht geschrieben, solche soll man verfluchen. Aus seinem Text spricht eine Frustration gegenüber dem institutionellen Christentum. Und er findet, zuerst gedanklich und in einem privaten Text, den perfekten Trick, um seine Frustration auszudrücken, einen Spruch zu einem Stein zu formen und ihn zurück zu werfen. Dabei ist er schlau genug, zu wissen, dass man derlei Kritik nur verhüllt anbringen kann, und so sind die Übeltäter bei ihm halt Juden.

Manche Weisen seines Textes klingen manieriert (Schriftgelehrten und Pharisäer, Gehe hin und sündige nicht mehr) und verraten einen mehr an Liturgie geschulten denn frei gebildeten Charakter. Es ist nicht unmöglich, in ihm einen ins Christentum hineingeborenen zu erkennen. Der Stoff, die Rhetorik ist ihm nicht fremd. Eine etwas zynische Haltung drückt sich im Text aus. Wir müssen ihm nicht den Mut zusprechen, direkt ein Evangelium zu ergänzen. Aber wir dürfen ihm attestieren, dass er seine eigenen privaten Notizen pflegt, also im Umfeld der Schreiber selbst lebt. Es kostet gewiss weniger Überwindung, in einem privaten Text mal ein hypothetisches Jesuswort zu erfinden und auszuformulieren, wie der Jesus aus der Bibel mit unserer Kernfrage umgehen würde, oder wozu er sie brauchen könnte. Sein Jesus ist ja einer, der von der ganzen Gelehrsamkeit vereinnahmt ist. Und dass der Verdacht, dass etliche Jesusworte im Grunde reine Fabrikate sind, im Umlauf ist, spricht auch aus den Kirchenvätern und dürfte unserem Autoren nicht fremd gewesen sein. Jesus ist im Grunde die eierlegende Wollmilchsau, die Autorität unter welcher Manipulisten ihre eigenen Meinungen verbreiten. Aus dem Text spricht deshalb nicht nur ein Skeptizismus, sondern auch eine gehörige Portion Sarkasmus. Und der Spruch ist ihm eine Waffe um in diesem Kontext erzwungenen Glaubensgehorsams und der neuen Gesetzesunterwürfigkeit geistig zu überleben. Daraus spricht eine bittere Erfahrung.

Mehr können wir nicht deduzieren. Der Text schildert uns nicht mehr als einen literarischen Augenblick, der geprägt ist vom Unbehagen mit den kirchlichen Institutionen, einem gewissen Kontakt mit hellenistischer Sophisterei, ausgereifter liturgischer Gewohnheit bis hin zu einer Langeweile und darüber hinaus einer gut verwurzelten christlichen Kontext auch und gerade im Umfeld der Schreiber. Dass die ganze Textanlage auch dramaturgische Elemente enthält, sollte aber daran erinnern, dass da noch ein viel wichtigeres Element ist. Ein spezielles Interesse am Judentum verrät der Autor übrigens auch nicht. Die Behandlung der Juden folgt einfach der Steilvorlage aus den anderen Evangelien. Wir machen in ihm den Skeptiker aus. Das verbietet uns, über dessen effektives privates Jesus-Bild zu spekulieren. Was er uns ja präsentiert, ist eine Sockenpuppe die offensichtlich nichts als Unsinn spricht, so sie überaupt was lehrt. Er akzeptiert und braucht Jesus als eine funktionierende Identifikationsfigur. Aber er benutzt diese Figur ebenso, wie er die Pharisäer und Schriftgelehrten als Platzhalter braucht. Dahinter steckt kein wirkliches Interesse, wirklich eine Anschauung über Jesus selber darzustellen. Letztendlich geht es nur um geistiges Überleben. Und das zeichnet seine Zeit aus.

Evangelien-Kontext

Für die nächste Stufe habe ich zwei Varianten zu servieren. Entweder unser Autor hat, endlich den Mut findend und in den Status eines Kopisten erhoben, selber ein Evangelium inklusive seines Textes geschrieben, welches damit durch seinen Nachfolger der normalen Kopie-Evolution folgte, oder wir müssen einen anderen Kopisten erachten, der in einem persönlichen Verhältnis zu unserem Autoren stand, dessen private Schrift erbte, und – da selber unschuldig an der Formulierung – diesen Text ins Johannesevangelium integrierte. Die zweite Variante bansprucht weniger moralische Überwindung (der erste schmückt eine Hure, der zweite legt sie später in ein geeignetes Bett), als die erste.

Gehe hin und sündige nicht mehr ist nicht nur eine Phrase, sondern gleichsam ein Aufruf, vorsichtig zu sein. Lass dich nicht erwischen. Unser Autor hat sicher nicht ein unnötiges Risiko auf sich genommen, als Textverderber überführt zu werden. Die Verderbnis kommt dennoch einmal mehr über die Bibel. Sie hat nur den Makel, dass sie als solche für die Textkritik zu leicht zu lesen war.

Man kann gewiss untersuchen, ob Joh.7:53-8:2 entstanden ist, um den Text einzubetten. Zumindest deutsche Versionen zeigen einen Wechsel des Tempus. Wir wissen auch die Funktion dieser ersten Verse. Sie dienen nämlich mehr der Interpolation als dem Text selber. So kursieren auch Manuskripte mit verkürzten Versionen, sowie mindestens ein Manuskript wo nur noch Joh.7:53-8:2 vorhanden ist.
Wir verlieren dadurch die explizite Orts-Information, welche uns Jesus Geste 8:6 als unbedingt unlesbar erkennen lässt. Dass die Geste höchst wahrscheinlich unabhängig von der Ortsbeschreibung als unverständlich intendiert ist, wird dadurch klar, dass Jesus sich jederzeit in verständlichen Worten hätte ausdrücken können, wenn er das gewollt hätte.

Der Support

Ein Text hat keine Überlebenschance, es sei denn, genügend Supporter sind gewillt, ihn immer wieder im Evangelium aufzuführen. Ich bezweifle, dass der über Agapios von Hierapolis zitierte Papias sich auf diesen Text bezieht. Dieses Zitat bezeugt lediglich legalistisches Argumentieren, also gerade das, was unserem Autor zuwider ist. Wenn unserem Autoren solches Argumentieren der Kirche zuwider ist, dann kann das auch anderen zuwider sein. Es ist also möglich, dass einige der Kopisten durchaus verstehen, worauf hier angespielt wird, und sie sind gewillt, diese Version zu unterstützen.

Didymus von Alexandria, ein Mitte bis Ende des 4.Jh. wirkender Autor, soll erstmals eindeutig sich auf die Perikope bezogen haben.

We find, therefore, 7 in certain gospels [the following story], A woman, it says, was condemned by the Jews for a sin and 8 was being sent to be stoned in the place where that was customary to happen. The saviour, it says, 9 when he saw her and observed that they were ready to stone her, said to those 10 who were about to cast stones, ‘He who has not sinned, let him take a stone and cast it.’ 11 If anyone is conscious in himself not to have sinned, let him take up a stone and smite her. And no one 12 dared. Since they knew in themselves and perceived that they themselves were guilty in some things, they did not 13 dare to strike her. B. D. Ehrman, ‘Jesus and the Adulteress,’ New Testament Studies 34 (1988): 24–44 at 25.

Liest Didymus eine andere Variante, oder hat er in seinem Geist seine eigene Variante gebastelt? In seiner Version lehrt Jesus an einer Gerichtsstätte, nicht im Tempel. Das passt natürlich zu einer Vorstellung, wonach Jesus in den Staub schreibt. Sein Jesus wird nicht etwa geprüft, sondern dieser Jesus mischt sich aktiv in den Prozess ein.

Hieronimus berichtet um 415, dass die Perikope in zahlreichen westlichen Manuskripten vorhanden war. Er macht diese Aussage aber erst 30 Jahre nach seiner Arbeit an seiner Übersetzung (welche die Perikope enthält). Wir sehen also, dass sie die Ausbreitung Mitte des 4.Jahrhunderts vollzogen haben muss, wobei diese Ausbreitung keinesfalls in Alexandria dominierte, wie der Codex Vaticanus belegt. Wir dürfen also unseren Autor irgendwo im 3.Jh. oder gar im frühen 4.Jh. datieren, wobei wir uns aber nicht auf ein bestimmtes Zentrum festlegen können.

Das erste uns verfügbare Manuscript, das die Perikope beinhaltet, ist der Codex Bezae (5.Jh.). Die Didascalia Apostolorum, die auf 240 AC zurückgehen soll, erwähnt die Perikope in einer späteren Wiedergabe. Damit haben haben wir zuwenig zuverlässige Zeugen, um eine genauere Geschichte der Akzeptanz nachzeichnen zu können. Wir wissen aber, dass die Akzeptanz uneinheitlich war, und unser Text an verschiedenen Stellen eingefügt wurde. Sekundäre Akzeptanz an einer verschiedenen Stelle kann begründet werden, den Einfluss auf den Lesezyklus möglichst gering zu halten. Wir können aber festellten, dass eine frühe partielle Textakzeptanz sowohl in Alexandria als auch in Rom festzustellen ist, während es aber noch für sehr lange Zeit Regionen geben wird, die entweder ignorant sind oder die Passage erst spät akzeptieren und integrieren.

Die Geschichte einer Textänderung ist im Grunde mit Epidemien zu vergleichen. Auch bei Epidemien können die Infekte mutieren. Das ist hier mindestens für die armenische Version der Fall, und es mag noch andere Mutationen gegeben haben, die uns aber nicht erhalten blieben.

Einmal akzeptiert ist unser Text nicht fremdartig genug, um seine Rechtmässigkeit grundlos anzuzweifeln. Augustinus macht denn auch zusätzlich Werbung, wenn er den Verdacht hegt, die Perikope sei aus bestimmten Handschriften gelöscht worden.

Certain persons of little faith, or rather enemies of the true faith, fearing, I suppose, lest their wives should be given impunity in sinning, removed from their manuscripts the Lord’s act of forgiveness toward the adulteress, as if he who had said, Sin no more, had granted permission to sin. Augustine, De Adulterinis Conjugiis, 2:6–7.

Wir können aber mit Gewissheit sagen, dass eine solche Geschichte der Tilgung weit komplexer wäre als eine Geschichte der Interpolation. Augustinus bezeugt somit nur die Bereitschaft, im Zweifel für einen Text zu votieren.

Augustinus hat übrigens wie folgt über die Perikope nachgedacht:

17. Again, how weighty are the things which this evangelist reports Jesus to have spoken, when He came back to the temple from Mount Olivet, and after the forgiveness which He extended to the adulteress, who had been brought before Him by His tempters, as one deserving to be stoned: on which occasion He wrote with His finger upon the ground, as if He would indicate that people of the character of these men would be written on earth, and not in heaven, as He also admonished His disciples to rejoice that their names were written in heaven! Or, it may be that He meant to convey the idea that it was by humbling Himself (which He expressed by bending down His head) that He wrought signs upon the earth; or, that the time was now come when His law should be written, not, as formerly, on the sterile stone, but on a soil which would yield fruit.
http://www.ccel.org/ccel/schaff/npnf106.vi.vii.xi.html#vi.vii.xi-Page_231

Wir sehen also auch Augustinus über die Geste raten. Auch ihm ist die Geste unverständlich (was er aber nicht zugeben will). Für Ihn wird es aber eine der vielen gelegentlich gepflückten Kirschen, so auch in Ludwig Schopp: The Fathers Of The Church, A New Translation Volume 27, p.106, wo er sich auf den Text bezieht, ohne je dem hier vorliegenden Text gerecht zu werden.

Die Perikope an anderer Stelle

Wie schon gesagt, wurde die Perikope in einigen Textzeugen umgebettet. Diese wird aber nur in relativ späteren Manuskripten beobachtet, so dass wir den Platz in Joh. 7:53ff als den ersten ursprünglichen Evangelienkontext vermuten dürfen. Erklärt werden die Verschiebungen meist mit Lesezyklen.
Manche Kritiker wollen im Text einen eher lukanischen Stil erkennen. Stilähnlichkeit ist aber kein Beleg für Identität. Es unterstreicht lediglich, dass diese Kritiker einen grösseren stilistischen Unterschied zwischen unserem Autor und dem Autor der Mehrheit des Johannesevangeliums entdecken.

Peter Lorenz Theorie

Peter Lorenz hat auf seinem Blog eine interessante Theorie entwickelt, deren Harmonisierung mit meiner Interpretation nicht unüberwindlich ist (Für weitere Posts zum Thema: posts zu pericope-adulterae). Seiner Theorie nach ist Hieronimus der Autor der Version, welche über seine Vulgata den Weg zurück in spätere Griechische Handschriften gemacht hat. Wir haben bereits festgestellt, dass frühere Allusionen an etwas der Perikope ähnliches nicht wirklich den Johannitischen Text treffen. In Peter Lorenz Theorie entspricht Hieronimus also gleich Autor und Interpolator, und sein Motiv ist in der Tat die Frustration in der Kirche sowie die Tatsache, dass er selbst in eine Ehebruchsgeschichte verwickelt war, die seine Karriere beendet hat. Ausserdem hat er sich in seinen Briefen des öfteren als Autor fiktionaler Geschichten bewiesen.
Selber möchte ich nicht so konkret werden, denn Hieronimus war sicher nicht die einzige einflussreiche Figur, die Frustration und Anschuldigungen erfahren hat. Es freut mich aber, dass jemand jenen Ton entdeckt hat, den ich selber im johannitischen Text gehört habe.

Fazit

Mehr möchte ich über die einsetzende Text-Tradition nicht spekulieren. Wir sollten uns aber im Klaren sein, dass was ich hier über die nachgewiesen späte Ergänzung gesagt habe im Grund über viele, wenn nicht gar die meisten oder alle Texten der Evangelien sagen können. Die Bibel ist ein Waisenhaus. Man kennt die Eltern all der Texte nicht. Es gibt keinen Grund, Joh.7:53-8:11 als Pseudo-Epigraphie zu bezeichnen, denn das würde ja eingestehen, dass es irgend was anderes als Pseudo-Epigraphie gäbe. Es ist nur so, dass jede Institutuion, die einstmals von Offenbarungen lebte, irgendwann ihren Heiligen das Maul verbietet. Sonst kann man ja nicht mit der Verwaltung und Ausbeutung des Glaubens beginnen.

Für die einen mag die Perikope das seligste Stück Heiligtum sein, für andere aber die eine Sockenpupperei, die einfach das Fass zum Überlaufen bringt. Man hatte in der Geschichte keine Sorge noch Mühe, Gottes Gedanken zu wagen, oder die des Mose oder des Jesu. Es steht aber noch aus, dass der Mensch seinen eigenen Gedanken wagt. Mensch hilf dir selbst, sonst hilft dir Gott, oder ein anderer Zombie.

Gegenposition: der Text ist ursprünglich

Inwiefern berührt die Gegenposition unsere Deutung des Textes? Die Gegenposition lautet: Dieser Text ist ursprünglich im Kontext von Joh.7-9, sein Inhalt geht also auf den gleichen Redaktor zurück. Wir hätten demnach die Motivation für diesen so abzugleichen, dass keine Widersprüch entstehen. Wenn wir also in unserer Deutung einige Stereotypen entdeckt haben, dann müssten wir solche auf in den Texten davor und danach deuten können, ohne Probleme zu erzeugen, andernfalls ist meine Deutung des Textes, dessen Motiv im Unbehagen in den kirchlichen Institutionen begründet ist, schlicht falsch. Wir müssten in diesem Fall darstellen können, dass ein ausgedrücktes Unbehagen in der Instution Kirche auch auf die benachbarte Texte anzuwenden ist.

Der Übergang

Verfechter eines ursprünglichen Textes behaupten, dass ohne die Perikope der Text sich merkwürdig lese. Ich habe den gegenteiligen Eindruck. So frage ich mich nach 8:11, wer ist eigentlich noch da von den Pharisäern, um ihn zu hören. Sind sie denn nicht in 8:9 hinaus gegangen?
Dem Interpolator ist aufgefallen, dass er die vorangehende Polemik erst mit Und jeder ging nach seinem Haus beenden muss. Man kann aber feststellen, dass er am Ende keine entsprechende Zensur vornimmt.

Die Selbstäusserungen

Wir lesen in 7:37-38 und in 8:12 über einen Jesus, der keinerlei Zweifel über sich hat. Er scheut sich nicht, die Hörer zu provozieren. In der Perikope aber hören wir einen äusserts vorsichtigen Jesus, der sich selber nicht befugt zeigt, den ersten Stein zu werfen, und Rhetorik braucht, um die Konfrontation aufzulösen im übrigen aber nur durch eine Geste sich äussern kann. Wie kann es sein, dass aus unserem charismatischen Jesus am nächsten Tag ein eher stiller Jesus wird, um dann nur in zu behaupten, er sei das Licht der Welt? Die Antwort ist einfach: Weder Joh. 7 noch 8:12ff haben etwas mit der Perikope zu tun.

Das Thema

In 7:37-52 und in 8:12ff geht es um die Rolle Jesus. Ist er der erwartete Prophet? Ist er der Messias? In unserer Perikope geht es darum, ihn als Person in einen Prozess zu integrieren, damit er Verantwortung in einem sehr alltäglicheren Vorgang nehme. Im eigentlichen Brennpunkt steht nicht Jesus selber, sondern der Leser. Die Perikope trennt hier, was sonst thematisch zusammen steht.

Fazit

Wir haben also drei Argumente, warum die Perikope nicht passt. Der Text liest sich formal besser ohne Perikope. Der Ton des Textes ist ein anderer in der Perikope als in deren heutiger Umgebung und das Thema ist auch sehr verschieden.
Denoch sehen wir auch Bindeglieder: Die Perikope verwendet Pharisäer und Schriftgelehrte, und die Szene der Perikope wird, eventuell veranlasst durch den Editoren der sie hier platziert hat, im Jerusalemer Tempel geortet. Das erklärt uns aber nur, warum sich der Editor für eine Interpolation an dieser Stelle entschieden hat. Dass Joh. 7 auch unglaublichen Nonesens enthält (Ich bin das Wasser des Lebens) das geartet ist, Jesus in einen Clown oder Troll zu verwandeln, das werden wohl nicht alle akzeptieren.

Das bedeutet aber nicht, dass diese Stellen nicht irgendwo einen Einfluss auf unseren ursprünglichen Autoren ausübten, gehören diese doch zu jenen Stellen, welche in den Evangelien die Pharisäer und Schriftgelehrten erst als Sündenböcke für jede Art der Kritik etabliert haben. Die Inspiration, seinen Jesus anders zu charakterisieren, muss er aber durch andere Traditionen in oder ausserhalb der Evangelien erworben haben.

Persönliche Stellungsnahme

Es steht demnach noch aus, wie man sich selber zum Text stellt. Ich kann respektieren, dass man in einem gewissen Umfeld schlau sein muss, und die organisierten Kirchen sind bekannt dafür, seine störrischen Kinder zum Schweigen zu bringen. Mir hat der Autor aber kein neues Vorbild gebracht. Er hat nur seine eigene Lebensnot geschildert. Aber ich habe keine Lust seine Methoden und Probleme nachzuahmen. Es kann demgemäss auch nicht Aufgabe sein, diese Hure jetzt mit Expertise zu steinigen oder frei zu sprechen. Gegenüber solch methodisch satyrischem Sarkasmus kann man nämlich nicht wirklich Stellung nehmen, weil eine wirklicher Nutzinhalt nicht vorliegt, zumindest nicht hier im Evangelium. Dies ist nicht nur das Werk unseres Autoren, sondern mehr noch jener, die seine Passage im Evangelium integriert haben. Ich kann als wahrnehmen, dass hinreichend viele Kopisten sich mit dem in dieser Passage ausgedrückten Lebensgefühl identifizieren konnten. Sie haben aber leider auch das fortgesetzt, was wir heute allgemein ablehnen. Ich habe aber guten Anlass, dass die Mitarbeiter nicht die Ausnahme, sondern die Regel waren. Wenn ich sodann die Frustration dieser Mitarbeiter spüre über eine Organisation, die sich genau durch das legitimieren, was unsere Mitarbeiter hervorbringen, so wird keine Bewunderung übrig bleiben.

Natürlich, und das habe ich früher hier erwähnt, kann auch Sophisterei ein Streichholz zur Philosophie sein. Nur handelt es sich dabei um die eigene Philosophie, und nicht um eine, die vom Himmel gefallen ist oder jene die der Sophist eventuell im Sinne hatte. Zum Beispiel Recht und Gesetz: Wir können feststellen, dass Menschen ein erstaunliches, ungelerntes und kulturell etwas abweichendes Rechtsempfinden haben und damit eine Verhaltenssicherheit erwerben, ohne jemals auch nur einen einzigen Gesetzenbuchstaben studiert zu haben. Gesetze braucht es erst dort, wo Interessen mit diesem Rechtsempfinden nicht einverstanden sind. Gesetzlos leben zu können, ist eine erstaunliche Gnade. Dass das in unserer Zivilisation immer weniger funktioniert, hat damit zu tun, dass wir unseren Lebensraum schon so umgestaltet haben, dass wir uns gegenseitig entmündigen zu müssen glauben. Ich kann aber aus dem vorliegenden Text nicht mal vermuten, was unser Autor dazu dachte. Er hat uns nur sein Unvermögen dargestellt, darüber etwas interessantes zu sagen.
Das Positiveste, was ich ihm unterstellen kann, ist, dass er die Kernphrase in ihrem Potential der Verwirrung erkannt hat. Da wir aber nicht wissen, wie der Text ins Evangelium kam, kann ich mir den Urtext als eine Art Gedankenexperiment mit nicht mehr verfügbarem Kommentar vorstellen. Dafür wiederum könnte ich noch etwas Sympathie aufbringen. Was aber immer der Wert des Textes in seinem ursprünglichen Kontext der Privat-Schrift war, im Evangelium hat der Text alles davon verloren. Es bleibt nur ein sophistischer Fremdkörper übrig. Dieser mag zufälliger Weise interessant genug sein, dass man sich Gedanken wie ich dazu mache. und ich gebe zu, würde die Ironie der Geschichte nicht zum Textinhalt passen, würde ich diesen Text wohl nicht geschrieben haben.

Wann haben Sie, lieber Leser, das letzte mal den Satz Was Jesus wirklich gesagt hat gehört? Falls Sie, lieber Leser, nicht wissen, was Entmündigung ist: Entmündigung ist, wenn Gott aus des Priesters Mund hören muss, was er denken darf. Das dürfen Sie auch auf Jesus, Moses, Mohammed und die anderen Missbrauchsopfer anwenden. Und selbstveständlich dürfen Sie sich auch überlegen, wie klug das klingt, anmassenden (sorry, heilige Schrift deutenden bzw. kreierenden) Menschen nachzulaufen und ihnen nachzueifern. Die Tatsache, dass das akzeptierte Kultur ist, macht es nicht minder lächerlich. Wenn Sie nicht wissen, warum andere über Sie lachen, dann wissen Sie es jetzt, denn wir leben in einer Zeit wo solches besonders verlacht wird. Wenn Sie nicht wussten, warum Sie über Prediger, Propheten oder Schriftgelehrte lachen, dann können Sie das jetzt begründen. Aber es lohnt sich durchaus, solches über den Rahmen des Glaubens hinaus auszudehnen. Manche halten ja die Wikipedia bereits für Gott.
Es kann Zeiten und Umstände geben, in welchen es gefählich ist, unter eigenem Namen zu schreiben. Die Antike hat hier einen Ausweg kultiviert. Unterschreibe im Namen Gottes, Jesu, Mohammed oder einer anderen Prominenz! Es vergrössert die Leserschaft und macht mindestens einen Eindruck. Wenn aber Menschen nur noch unter dergleichen Pseudonymen schreiben, werden betreffende Schriftsammlung zu dem, was sie heute sind: für das befreite individuelle Denken inakzeptable Müllhalden. Leider bietet sich auch heute noch diese Müllhalde an, Mitmenschen mit den dubiosesten Methoden zu traktieren.
Ich weiss nicht, ob ich als Atheist qualifiziere. Aber ich weiss, dass ich den Atheismus begrüsse wo er diese kultivierte und organisierte Form der Entmündigung von der angenommen höchsten bis zur tiefsten Ebene beendet. Ich bezweifle aber, dass der Atheimmus offen genug ist, ebenso wirksame andere Formen der Entmündigung zu adressien, die durch neue Formen pseudo-religiöser Ehrfurcht existieren. Die Sockenpuppen werden demnächst nicht aussterben.

Und abschliessend möchte ich noch den letzten Scherzartikel beurteilen. Ich urteile, weil ich ein Sünder bin, und das lass ich mir auch gar nicht nehmen! Meine Urteilskraft ist bei mir. Als Mangelwesen bin ich darauf angewiesen, meine Umwelt einzuordnen, und Stellung dazu zu beziehen. Wäre ich ohne Sünde, ohne Zweifel und ohne Mängel, gäb's keine Urteile, weil nichts mich angreifen und gefährden könnte. Ich umarme meine Urteilskraft. Ich will sie nicht abdelegieren, selbst dann wenn ich Zweifel habe oder die Folgen meines Urteils nicht wissen kann. Ich will für meine Urteile selber verantwortlich sein.
In welcher Situation denn soll der Satz Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein überhaupt praktikabel sein? Wenn ich Zweifel habe, sollte ich nicht mal den zweiten oder dritten Stein werfen, denn es ist ja eine Eigenart lawinenartiger Prozesse, dass es den Stein gibt, der dann zu viel ist. Soll ich als ehemaliger Parksünder daran gehindert werden, einen Falschparker zu hindern, wenn ich die Folgen seines Tuns berücksichtige? Wenn es darum geht, in dubio pro reo jemanden zu schützen, so ist diese Formulierung höchst unglücklich. Sie taugt gerade nur dazu, den hier involvierten in seiner Rolle zu schützen.

Ich hab's ja gesagt, nichts als strategische Sophisterei ist in dieser Perikope, die bestenfalls geeignet ist, andere zu verwirren. Es ist mir dabei bewusst, dass viele Menschen eine seltsame Schönheit in der Phrase zu entdecken glauben. Fortan ist dadurch jeder dafür entschuldigt, dass er für sich nicht Stellung nimmt. Welche Form von Verantwortungslosigkeit dies nach sich ziehen kann, stelle ich mal in den Raum. Mein Gedanke ist, dass der Support des hiessigen Textes nicht mit der Idenfikation mit der Figur des Jesus als einem seiner Gesinnung getesteten beruhte, sondern ebenso auch in der entschuldigenden Schmeichelei der Phrase begründet liegt. Schliesslich ist es ja gerade die Aufgabe einer der Jesus-Sockenpuppen, den Gläubigen von jeder Form der Verantwortung zu bewahren. Dass eine andere Jesus-Sockenpuppe den Gläubigen ja von jeder Sünde befreit hat, was wollen wir hier möglichst nicht berühren. Aber lassen wir das Mosaische Gesetz mal ruhen. Die Wirklichkeit ruft.